Halo-Effekt

Aus Strafverteidiger-Wiki
Wechseln zu: Navigation, Suche

Inhaltsverzeichnis

Literatur

Das Phänomen

Der Halo-Effekt (engl. halo effect) - auch Hof-Effekt genannt - ist ein Beurteilungs- und Wahrnehmungsfehler. Der Begriff ist hergeleitet von dem englischen Begriff Halo = Heiligenschein und wurde im 19. Jahrhundert von dem amerikanischen Psychologen Edward Lee Thorndike eingeführt.[1]
Unter dem Halo-Effekt versteht man die Tendenz, faktisch unabhängige oder nur mäßig korrelierte Eigenschaften von Personen oder Sachen fälschlicherweise als zusammenhängend wahrzunehmen.[2] Einzelne Eigenschaften einer Person werden im Gesamteindruck zu dieser Person gesehen der „die weitere Wahrnehmung der Person mit einer unreflektierten Generalisierung überstrahlt“.[3]

Häufiges Beispiel ist, dass Lehrer von freundlichen und gutaussehenden Schülern automatisch annehmen, dass diese auch gute Leistungen erbringen.

Beispiele

  • Testpersonen wurde ein Film mit einen Verkehrsunfall gezeigt. Ihnen wurde mitgeteilt, dass der eine Fahrer anschließend geflüchtet sei, was nicht stimmte. Dem flüchtenden Fahrer wurde ein höheres Verschulden angedichtet, als einen nicht flüchtenden Fahrer.[4]
  • In einer Studie 1980 in Amerika ergab sich, dass gutaussehende Angeklagte signifikant milder bestraft wurden und nicht gutaussehende Angeklagte doppelt so häufig zu Haftstrafen verurteilt wurde.[5]
  • Eine Untersuchung 1978 ergab, dass bei Gerichtsverhandlungen Unfallopfer, die attraktiver waren als die Unfallverursacher durchschnittlich 10.051 Dollar erhielten; waren die Unfallverursacher attraktiver, erhielten die Opfer durchschnittlich nur 5.623 Dollar.[6]
  • Menschen haben eine höhere Bereitschaft, sich von jemanden überzeugen zu lassen, den sie kennen und sympathisch finden.[7]
  • Sympathischen Zeugen wird statistisch mehr geglaubt, selbst wenn ihre Aussage widersprüchlich sind.[8]


Konsequenzen für die Strafverteidigung

Sie müssen dafür sorgen, dass Ihr Mandant in seinem Äußeren und von seinem Auftreten her nicht die Erwartungen des Gerichts bedient, die es nach Akten- und Anklagelektüre gewonnen hat.
Der Mandant, dem Betäubungsmittelhandel vorgeworfen darf nicht wie ein Dealer aussehen und handeln. Der vermeintliche Großbetrüger sollte besser nicht im Nadelstreifenanzug erscheinen und seine Eloquenz zügeln.
Bei einem Verfahren gegen einen mit seinen guten 2 Metern Körpergröße bedrohlich wirkenden Schwarzen wegen Drogenhandel, konnte ich die Richterin Überzeugen, dass das Erscheinungsbild bei der Strafzumessung unberücksichtigt bleiben muss. Dafür muss das Gericht die Wirkung bewusst sein. Das Gericht gewährte die erhoffte Bewährung und bedankte sich ausdrücklich dafür, dass der Aspekt von der Verteidigung angesprochen wurde.
Bei eloquenten und gutaussehenden bzw. sympathischen Belastungszeugen muss die Verteidigung besonders vorsichtig sein, die Widersprüche besonders sorgfältig und sichtbar herausarbeiten und ggfs. das Gericht mit dem Problem des Haloeffekts vertraut machen.

Fußnoten

  1. Wendler/Hoffmann, Technik und Taktik der Befragung im Gerichtsverfahren, 1. Aufl., Rn. 172.
  2. Manfred Schmitt: „Schönheit und Talent: Untersuchungen zum Verschwinden des Halo-Effekts“, Zeitschrift für experimentelle und angewandte Psychologie 1992, 475 ff.
  3. Wendler/Hoffmann, Technik und Taktik der Befragung im Gerichtsverfahren, 1. Aufl., Rn. 172.
  4. Köhnken: „Nachträgliche Informationen und die Erinnerung komplexer Sachverhalte – Empirische Befunde und theoretische Kontroversen“ Psychologische Rundschau, Bd. 38, 1987, S. 190 – 203.
  5. Cialdini, Die Psychologie des Überzeugens, 6. Aufl., S. 223.
  6. Cialdini, Die Psychologie des Überzeugens, 6. Aufl. S. 223 f. f
  7. Cialdini, Die Psychologie des Überzeugens, 6. Aufl., S. 258.
  8. Loftus: „Eyewitness Testomony“, S. 14, 17; zit. nach Geipel: Hb. Beweiswürdigung, S. 541.

Autoren des Artikels

Der Artikel wurde erstellt von Sascha Petzold 20:57, 27. Jan. 2012 (CET)
und weiter bearbeitet von

Meine Werkzeuge
Namensräume

Varianten
Aktionen
Navigation
Werkzeuge